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Tindereien

Vierzig sein ist gar nicht so toll, wie ich früher immer dachte. Wo bleibt die Weisheit? Früher, ja, da glaubte ich wirklich, wenn du erst einmal 40 bist, bist du viel ruhiger, besonnener, erfahrener und das Leben ist ein Kinderspiel. Scheiß auf die Falten, die grauen Haare und die Hängebrüste, dir wird es einfach besser gehen. Nun ist es soweit und da haben wir den Salat. Nach knapp 20 Jahren stelle ich fest, sie geht mir auf die Nerven, die Ehe. Die Macken des Partners werden immer unerträglicher und ich will nicht akzeptieren, dass das schon alles gewesen sein soll. Ich bin überhaupt nicht weise, sondern fühle mich dämlicher und naiver als je zuvor. Die Falten und den restlichen Altersquatsch gibt es kostenlos obendrauf.

Ein kleiner Unfall mit Wirbelbruch im Winter gab mir viel Zeit zum Fettwerden und Nachdenken. Die Trennung musste passieren, keine Frage. Und dann? Mir graust es bei dem Gedanken, ich ende als einsame, alte Frau voll Wut im Bauch in einer Einzimmerwohnung mit 5 Katzen und keinerlei sozialen Kontakten. Die Nachbarn schauen sowohl mitleidig, als auch angewidert auf mich herab und wünschen sich insgeheim, niemals so zu werden wie ich. Die Kinder kommen einmal im Monat zum Sonntagskaffee und sind froh, wenn der Nachmittag vorüber ist.

Was soll ich also tun, damit es nicht dazu kommt? Ich weiß ja nicht, wie es Dir geht, aber ich wurde noch nie in einem Café, in einer Bar, am Strand, auf dem Flohmarkt oder anderswo von einem interessanten Mann angesprochen. Mal ehrlich, sowas gibt es doch nur im Kino, oder? Wenn mich jemand anspricht, sind es fast ausschließlich Männer, die beinahe meine Großväter sein könnten und große Lust drauf haben, die Muddi zu Hause zu betrügen. Danke, da zahle ich meinen Kaffee doch lieber selbst und lasse den Champagner gerne wieder zurückgehen.

Mit diesen Erfahrungen dachte ich, ist es keine so üble Idee, Tinder eine Chance zu geben. Darauf brachte mich mein kleiner Bruder, der neulich Abend seltsam grinsend neben mir saß und auf seinem Smartphone mal nach links und mal nach rechts wischte. Auf Nachfrage erklärte er es mir, aber auch gleich mit dem Hinweis „Das darfst du nicht so ernst nehmen.“. Aha.

Ich stürze mich dann auch mal ins Getinder.

Mein erster Treffer! Wow, was für ein Sahneschnittchen! Noam*, 39 schwarze Haare, schwarze Augen und ein Mund, der zum Küssen einlädt. Er erzählt mir, er kommt ursprünglich aus Israel und wohnt ganz in der Nähe. Wunderbar, wir treffen uns. Am Nachmittag davor räume ich mindestens fünf Mal meinen Kleiderschrank aus und wieder ein. Verdammt, da ist nichts drin, das mir noch passt. Es sind zwar schon wieder vier der zehn Unfall-Kilos weg, aber die Klamotten passen leider immer noch nicht. Schnell was Neues kaufen? Die Zeit reicht nicht. Die Jeans muss es auch tun. Immerhin habe ich darin einen geilen Arsch. Der olle grüne Pulli mit V-Ausschnitt geht noch. Hoffentlich ist es nicht zu hell in der „Maria“, dem Biergarten, in dem wir uns verabredet haben. Jetzt noch ein wenig Farbe ins Gesicht, die Haare sind okay so.

Ab jetzt wird es richtig peinlich. Ich bin einfach zu nervös, um noch normal denken zu können. Ich zittere, die Knie sind aus Butter. Butter bei 30 Grad im Schatten auf der Terrasse vergessen. Mein Magen fühlt sich an, als hätte ich genau diese Butter nach einer Woche doch noch, und zwar mit dem Löffel gegessen.

Als ich zehn Minuten zu früh ankomme, fällt mir auf, der Biergarten ist doch viel zu groß für ein erstes Treffen. Wollten wir uns am Tisch oder vor der Tür treffen? Welcher Eingang? Davon gibt es zwei! Ist er schon da oder bin ich zuerst hier? Irgendwie ist das blöd. Als Erste anzukommen wirkt doch ein wenig verzweifelt. Andererseits kann ich es nicht ausstehen, wenn meine Verabredung schon am Tisch sitzt und mir dabei zusieht, während ich wie besoffen auf ihn zustolpere. Ich will wieder nach Hause! Ich stelle mich zwischen beide Eingänge und drehe meinen Kopf ständig von einem zum anderen. Gott, ich komme mir so bescheuert vor. Mein Handy ist bereits aus. Ich bin ein höflicher Mensch und will nicht, dass irgendjemand den Abend mit einem furchtbar wichtigen Anruf stört. Jetzt ist es schon nach 20 Uhr. Bestimmt wartet er drinnen auf mich und ich komme zu spät. Super, Eve. Ich gehe rein und halte Ausschau nach meinem künftigen Retter des Abends. Niemand da, der auch nur annähernd den Fotos und meinen Erwartungen ähnlich sieht. Ich bin mir fast sicher, ich wurde versetzt. Aber eben nur fast. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Viertel nach Acht, ich wollte mir soeben aus lauter Verzweiflung am Stehtisch neben dem Eingang ein Weißbier bestellen, kommt Noam, der Gott des Lächelns, um die Ecke. Ich merke, wie ich feuerrot anlaufe und den Kellner vergesse, der sich daraufhin diskret verzieht. Küsschen links, Küsschen rechts, „Hallo, wie geht’s? Du hast meine Nachricht nicht gelesen. Ich schrieb dir, dass es etwas später wird.“ Dieser Akzent! Ich breche gleich zusammen. „Was? Nein, mein Handy ist aus. Will nicht gestört werden.“ Was rede ich für einen Mist? Wir suchen uns einen Tisch. Noam will viel wissen, woher ich komme, ob ich verheiratet bin/war, gibt es Kinder und all das, was man offenbar beim ersten Date voneinander wissen will. Ich bin definitiv zu sehr aus dem Training. Beim letzten Date dieser Art war ich erst 21 Jahre alt. Alles, was er über mich wissen will, erzählt er auch über sich. Verheiratet, getrennt lebend, 3 Kinder. Noam bestellt Pizza für uns. Er glaubt ernsthaft, dass Gerichte, die der Kellner empfiehlt, gut sind. Ich sage ihm, ich glaube, dass Gerichte, die der Kellner empfiehlt, einfach nur schnell weg müssen, da das Restaurant die Zutaten sonst wegwerfen müsste. Noam meint, ich sollte nicht so negativ denken.
Die Pizza war grottenschlecht und ich freue mich insgeheim darüber, Recht zu behalten. Nein, das sage ich natürlich nicht laut (glaube ich).
Vielleicht hilft mir das Bier ein wenig dabei, ruhiger zu werden und tatsächlich werde ich im Laufe des Abends lockerer. Als ich mich auf dem Weg zum Klo nach Noam umschaue, erwische ich ihn dabei, wie er auf meinen Popo starrt. Punkt für mich! Es läuft doch gar nicht so schlecht für das erste Mal nach so langer Zeit.

Etwas später am Abend setzt er sich neben mich. Ich frage mich schon lange, warum man sich bei diesen Gelegenheiten eigentlich gegenüber sitzen muss? Das wirkt bald wie auf dem Schlachtfeld. Die Kriegsgegner hocken sich gegenüber und warten darauf, endlich zuschlagen zu dürfen. Ihn neben mir zu haben, fühlt sich schöner, harmonischer an. Jetzt komm schon, küss mich endlich!

Ich muss mich berichtigen. Er ist nicht nur der Gott des Lächelns, sondern auch der Gott des Küssens. Himmel, wie habe ich dieses Gefühl vermisst! Er sagt, er nimmt mich jetzt mit zu sich nach Hause. Nein! Besser nicht! Ich bin zu schwach, um mich zu wehren.

Auf dem Weg nach Hause fühle ich mich wie damals mit 18. Entspannt und auf Wolke 7 und gleichzeitig hasse ich mich dafür, so leicht zu haben gewesen zu sein. Auf diese Weise werde ich mich niemals neu verlieben.

Es scheint so, als bräuchte ich ein wenig Nachhilfe zum Thema Männerfang. Meine Freundin Chris* weiß bestimmt Rat. Wir treffen uns am nächsten Morgen zum Frühstück. Das Restaurant hat eigentlich noch nicht geöffnet, doch der Inhaber, dem ich offensichtlich gut gefalle, bedient uns selbstverständlich trotzdem gern. Er flirtet wie ein Weltmeister, ist aber ziemlich abschlussschwach.

Meine Gedanken kreisen um die letzte Nacht und ich kann mich kaum konzentrieren. Nach zwei Milchkaffees verschieben wir die Unterrichtseinheit auf ein anderes Mal.

Mit Noam habe ich mich noch einmal getroffen. Wir ließen das Essen und das Bier vorab einfach weg.
Schade. Ich werde den Gott des Lächelns ein wenig vermissen und ich werde nie wieder John Mayers „Free Fallin“ hören können, ohne mich zu schämen.

*Name geändert

7.6.15 16:06

Letzte Einträge: noch einmal Tinder, Frühe Mutterschaft als Ossi, Ich bin zu alt für diesen Scheiß!

bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Dorehn / Website (8.6.15 00:27)
...witzig - mit Herzenshumor geschrieben...wünsche, dass er Dir bleibt und alles Gute auf der Suche nach dem Rechten zum Lieben!

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