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Frühe Mutterschaft als Ossi

Sagt mal, was soll das denn? Jedes Mal, wenn ich einem Tinder-Treffer erzähle, dass ich mit 21 Mutter wurde und deshalb nun das Glück habe, auf niemanden mehr Rücksicht nehmen zu müssen, werde ich gefragt, ob ich „Ossi“ bin. Beim Letzten, den ich danach auch gleich gelöscht habe, ist mir der Kragen geplatzt. Natürlich haben viele Menschen in der DDR schnell geheiratet und Kinder bekommen, um einen „Anspruch auf Wohnraum“ zu erhalten und doch noch vor dem 25. Lebensjahr bei den Eltern ausziehen zu können. Aber vielleicht gibt es ja noch andere Gründe? Zum Mauerfall war ich doch erst 16 Jahre alt. Das könnten die Männer eigentlich auch selbst errechnen…

Gut, laut Statistischem Bundesamt lag das Durchschnittsalter der Mütter bei der Geburt des ersten Kindes in den alten Bundesländern 1989 bei 26,8 (in einer bestehenden Ehe, Gesamtzahlen wurden nicht erfasst) und in den neuen Bundesländern bei 22,9 Jahren (Gesamtzahlen).
Allerdings im Jahr der Geburt meiner Tochter, 1995, in den neuen Ländern schon bei 26,9 und in den alten bei 28,2 Jahren (beide in einer bestehenden Ehe, Gesamtzahlen nicht erfasst).

Bin ich eine Statistik?

Ich erzähle einfach mal.
Ich hatte leider nur teilweise eine schöne Kindheit. Ganz wunderbar ging es mir, wenn ich bei meinen Großeltern sein durfte. Meine Oma Christa**, heute 87 Jahre alt und fährt noch immer Fahrrad, sehe ich in meinen Erinnerungen in einer lila Kittelschürze aus Perlon. Immer schwer beschäftigt mit Ihrem Obstgarten, dem Gemüsegarten und dem Hühnerhof, nahm sie sich trotzdem unendlich viel Zeit für mich. Von ihr lernte ich Kochen, Backen, Stricken, Häkeln und Socken stopfen. Sie zeigte mir die Tiere, Bäume und Pflanzen im Wald.  Sogar Spuren lesen wie ein echter Indianer brachte Oma mir bei. Durch sie lernte ich, alles Leben zu respektieren.
Es war einfach traumhaft, Möhren, kurz an der Kittelschürze abgewischt, direkt aus der Erde zu essen oder im Obstgarten auf dem kleinen Bänkchen zwischen den Sträuchern mit den weißen und den roten Johannisbeeren zu sitzen und davon zu träumen, ich wäre entweder Schneeweißchen oder Rosenrot, je nachdem, welche der Beeren mir gerade besser schmeckten. Opa sehe ich in meinen Erinnerungen entweder schraubend unter bzw. in seinem Auto liegen, oder uns beide in der Eisdiele. „Davon darfst Du nichts Oma sagen. Sie meint, Opa soll abnehmen.“ Rückblickend sage ich, meine Großeltern sind meine eigentlichen Eltern.
Leider gab es auch meine andere Kindheit. Die Mutter, zu der ich schon vor Jahren den Kontakt abbrach, bekam mich unverheiratet mit 19 Jahren kurz vor Abschluss ihrer Ausbildung. Da mein leiblicher Vater verständlicherweise nicht bereit war, sein Studium abzubrechen und sich irgendeinen Job als Heizer oder Tellerwäscher zu suchen, um uns ernähren zu können, schickte sie ihn in die Wüste. Stattdessen heiratete sie schnell irgendeinen armen Teufel frisch aus dem Knast, um eine Wohnung zugewiesen zu bekommen. Kurz nach Bezug der Wohnung setzte sie ihn auch schon wieder vor die Tür. Wobei Wohnung für diese Butze ein zu großes Wort ist. Du kennst es sicher aus den unsanierten Berliner Altbauwohnungen, dass sich die Toilette eine Treppe tiefer auf dem Flur befand. Noch nicht einmal das hatte unsere Behausung. Die Toilette war ein unbeheiztes Plumpsklo auf dem Hof ohne Licht. Ein Bad gab es nicht. Wir wuschen uns in der großen Wohnküche über einer Schüssel. Warmes Wasser gab es nur aus Töpfen vom Gasherd. Ich muss wohl nicht noch extra erwähnen, dass es für die gesamte Wohnung mit drei Räumen plus Wohnküche nur einen Ofen gab. Ein uralter Kachelofen, versteht sich. So geschah es eines Tages im Winter, während eines Stromausfalls, dass ich meinen geliebten Teddy über die Kerze neben der Gardine hielt. Keine Sekunde zu spät erschien die Mutter schreiend im Raum, riss mir den Teddy aus der Hand und die Gardine vom Fenster. Gerade noch mal gut gegangen. Nachdem ich (3,5 Jahre alt) eine gewischt bekam, schluchzte ich „…aber wenn der Teddy doch so gefriert hat…“. Diese Geschichte erzählt sie heute noch gern jedem, der ihr zuhört und es hört sich immer noch so an, als wäre alles meine Schuld.
Als ich vier Jahre alt war, lernte sie Bernhard* kennen. Den fand ich super. Wir hatten damals keinen Fernseher und haben uns abends andere Beschäftigungen gesucht. Bernhard hatte ein Akkordeon. Das brachte er mit, wenn er zu uns kam und ich durfte ausgiebig tun, was alle kleinen Mädchen gerne tun: singen! Unter uns wohnte eine alte, sehr schwerhörige Frau und über uns niemand. Gott sei Dank!
Kurz nach meinem 6. Geburtstag bekamen wir drei eine Zweizimmerwohnung in einem Plattenbau zugewiesen. Immer noch mit Kachelöfen, aber sie hatte ein Bad mit Badewanne. Mutter und Bernhard kauften sich irgendwo auf dem Schwarzmarkt einen alten Schwarz-Weiß-Fernseher und die Abende wurden ziemlich langweilig. Ich habe Bernhard nie wieder Akkordeon spielen gehört und singen durfte ich in der neuen Wohnung auch nicht mehr so laut. Die Nachbarn… Die Wände waren beinahe so dünn wie Papier. Dafür kannte ich alle Werbe-Songs der Achtziger auswendig. Erinnert Ihr Euch an die Timotei-Werbung?

http://www.youtube.com/watch?v=gLuIfUq1mWE
(Timotei etwa bei 7:30)
Hatte diese Frau tolle Haare? So wollte ich auch aussehen, wenn ich groß bin. Aber psst, wir schauen doch kein Westfernsehen.
Mit acht bekam ich ein Brüderchen und wir vier dann eine Zweieinhalbzimmerwohnung. Ab jetzt wurde es noch blöder. Wenn Bernhard mich bis dahin öfter in seine Holzwerkstatt in seinem Elternhaus mitnahm und mich dabei helfen ließ, ein riesiges Segelflugzeugmodell zu bauen, kümmerte er sich nun gar nicht mehr um mich. Ich wurde ab und zu seiner biestigen Mutter überlassen, die mich nicht ausstehen konnte und mich das auch spüren ließ. Der einzige Mensch in dieser Familie mit großem Herz und viel Geduld für mich war Onkel Lo, der leider sehr früh verstarb. Ich erinnere mich an ein langes Gespräch mit ihm darüber, dass es besser für mich ist, mein Pausenbrot selbst zu essen und nicht zu verschenken. Von ihm lernte ich auch, wie man angelt.
Über den Rest der Sippe zu erzählen, lohnt sich wirklich nicht.
Ich pubertierte sehr heftig, wohl nicht ganz grundlos. Kam ich fünf Minuten nach der vorgegebenen Zeit nach Hause, schlug mich die Mutter mit einem Verlängerungskabel. Die überwiegenden Farben meines Rückens in dieser Zeit waren Grün und Blau. Lehrer, die das sahen, scherten sich nicht darum. Schließlich war die Mutter doch ein ehrbares Mitglied der Gesellschaft, ehrenamtlich tätig in der Jugendhilfe. Weitere Strafen für meinen Ungehorsam waren beispielsweise Oma-und-Opa-Kontaktverbot.
Das Erziehungsmittel, für jede Eins in der Schule 5 Mark und für jede Zwei 2 Mark zu bekommen, wurde schnell wieder abgeschafft. Zu teuer. So kam es, dass ich mir mit 15 Jahren beim besten Willen nicht vorstellen konnte, noch zwei Jahre Erweiterte Oberschule (Abitur) nach dem „normalen“ POS-Abschluss und damit zwei weitere Jahre in diesem Leben, durchzustehen. Ich wollte einfach nur weit weg. Daran änderte auch die Wende nichts. Eine Lehrstelle im südlichen Thüringen war gerade so weit genug und ich war endlich frei. Für mich begann eine sehr wilde und schwierige Phase. Ich muss gestehen, dass ich nie Drogen nahm, auf dem Strich landete oder eben beides, ist ein echtes Wunder. Kurz vor dem Ende dieser irren Zeit wurde ich schwanger und bekam mein süßes Töchterchen. Durch sie änderte sich alles. Sie ist meine Retterin, meine kleine Heldin. Ich bin glücklich darüber, so jung Mutter geworden zu sein. Wer weiß, was sonst noch geschehen wäre.
Das alles ist der Grund für meine frühe Mutterschaft und nicht, weil ich scharf auf eine Zweiraum-Plattenbauwohnung in Marzahn war.

Jetzt werde ich sofort meine Oma anrufen, um ihr zu sagen, wie sehr ich sie liebe und gleich danach nehme ich meine Tochter in den Arm und lasse sie nie wieder los.

*Name geändert
**Name nicht geändert ;-)
 

8.6.15 22:57

Letzte Einträge: noch einmal Tinder, Ich bin zu alt für diesen Scheiß!

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